Bolwin | Wulf





Leitidee


Der Entwurf ist geprägt durch die grösstmögliche Würdigung der vorhandenen Denkmalsubstanz, ohne dabei die Erfordernisse eines modernen und auf die Zukunft ausgelegten Verwaltungsgebäudes zu vernachlässigen. Ein weitestgehender Erhalt des Denkmales und der historischen Substanz setzt nicht nur ein Zeichen für den respektvollen Umgang mit kulturhistorischen Werten, sondern auch für eine ressourcenschonende Planung im ökonomischen und ökologischen Sinne, nicht zuletzt da der ergänzende Neubau nur knapp 50% der Nutzfläche der sanierten Altbauteile ausmacht. Ein öffentlicher Bauherr und Nutzer wie das Landratsamt Vogtland ist hier dem Bürger gegenüber in vielerlei Hinsicht verpflichtet.


Der Begriff des Denkmals soll sich ausdrücklich nicht nur auf die vordergründig optisch wirksamen Bestandteile des historischen Warenhauses, sondern auch auf die zeittypische, nach wie vor sehr robuste konstruktive Substanz des gesamten Komplexes beziehen. Traditionell ist das Hauptgebäude von hoher Repräsentativität mit starker architektonischer Ausformung geprägt, während der Bereich entlang der Forststrasse eher klar funktional und orthogonal strukturiert wurde. Der Verlust der ehemaligen historisierenden, an die Struktur„appliziert“ wirkenden Fassaden an der Forststrasse befreit von einer Rekonstruktionsdiskussion und lässt für die zukünftige Nutzung maximalen Handlungsspielraum. Zusammen mit ergänzenden Neubauten ergeben sich für das Landratsamt im vorliegenden Konzept daher drei Teilbereiche, die dieser Entwurf zu einem spannenden Gesamtgefüge verwebt: das Architektur-Denkmal am Postplatz, die historische Substanz entlang der Forststrasse und der Neubau entlang der Forststrasse/Rädelstrasse.


Diese drei Elemente umschreiben im Inneren des Blockes ein viertes, alles verbindende Raumelement. Zwischen den freigestellten Bauteilen des Landratsamtes und den Rück- und Brandwänden der Nachbarbebauung ensteht ein wie von einem Flusslauf eingeschnittener, terrassierter Freiraum mit einer geraden Ost- und einer bewegten Westkante: das „grüne Tal“. Diese Differenzierung in die vier Raumelemente zieht sich konsequent hinsichtlich der Verteilung der Nutzungen, des energetischen Konzeptes, sowie der konstruktiven Massnahmen durch den gesamten Entwurf.





Denkmal am Postplatz



Die Kraft und Dominanz des Gebäudes, sowie seine prominente Lage am Postplatz bedingen unmittelbar die Lage des Haupteingangs für das neue Landratsamt an dieser Stelle. Da dieses eine Funktion mit überregionaler Bedeutung ist, besteht die Gefahr das stadtbildprägende Haus zwar nicht physisch, aber emotional dem Stadtleben zu entziehen. Daher scheint die Unterbringung hochfrequentierter, „alltäglicher“ Funktionen wie der Sparkasse besonders wichtig. Die Fassade wird dazu weitestgehend in den historischen Ursprungszustand versetzt und über die drei mittigen Fassadenachsen zu einer Stadtloggia geöffnet. Hier gruppieren sich die Eingänge. Gemeinsam mit der Cafeteria des Landratsamtes, die auch öffentlich genutzt werden sollte, und natürlich dem von hier aus auch ausserhalb der Geschäftszeiten des Landratsamtes über das Foyer zugänglichen Saal, wird hier ein belebter Ort entstehen und Bürgernähe signalisiert.
Die tiefe Stadtloggia führt direkt in das Herz des neuen Landratsamtes, die Nahtstelle zwischen Hauptgebäude und dem weiterführenden historischen Bauteil. Dieser Bereich wird auf eine zweigeschossige, verglaste Eingangshalle zurückgebaut, die sich grosszügig zu dem neu entstehenden Grünraum im Blockinneren, dem terrassieren „günen Tal“ öffnet. Parallel zu diesem Grünraum und seiner Topografie entwickelt sich der interne Erschliessungsweg, der schlüssig durch das gesamte Haus bis hin zur Forststrasse führt. Foyer, Grünraum und Einblicke in die oberen Geschosse garantieren optimale Orientierung für den Bürger.




Historische Substanz Forststrasse



Dieses Bauteil zeigt sehr gute Bedingungen für die Unterbringung der Nutzung in Bezug auf Achsmasse, mögliche unterschiedliche Büroformen und insbesondere die vorgesehenen Bürogrössen. Diese Qualitäten eines für Funktionswechsel bzw. -anpassungen hervorragend geeigneten Gewerbebaues der Jahrhundertwende sprechen nicht nur für den Erhalt seiner Struktur, sondern auch dafür, ihn zum Masstab für die baulichen Ergänzungen zu machen.
Der historische Lichthof wird – jetzt als Aussenraum - wieder geöffnet. Im Erdgeschoss befindet sich darunter die von oben natürlich belichtete Saalebene. Hier können neben den Kreistagssitzungen Veranstaltungen jeglicher Art stattfinden, die zusammen mit Foyer und Cafeteria zu jeder Tageszeit ein hohes Mass an Öffentlichkeit zulassen ohne den internen Betrieb zu tangieren. Ebenso sind an zentralem Ort interne Besprechungen ohne direkten Kontakt zu den Kundenbereichen möglich.
Gegenüber des Empfangstresens beginnt das „grüne Tal“ und parallel dazu die Achse der Haupterschliessung durch das Haus und in die oberen Geschosse. Entlang dieses Weges liegen Wartezonen und publikums- bzw. beratungsintensive Büros, von hier aus führen Aufzüge in die oberen Etagen. Die Bürobereiche selbst gruppieren sich um den historischen Kaufhaus-Lichthof.




Neubau Forststrasse



Die geradlinige Erschliessung setzt sich im ergänzenden Neubau fort, welcher durch einen zweiten Lichthof die Gliederung des Bestandes - bei optimierten Geschosshöhen – wiederholt und auch statisch mit ihm verbunden ist. An der Nahtstelle entsteht durch ein weiteres Grün- und Lichtelement, dem gebäudehohen „vertikalen Garten“, ein besonderer Ort, der nicht nur die wenigen entstehenden Niveausprünge spannend umsetzt, hier befinden sich auch die für das Landratsamt internen, zentralen Funktionen wie Besprechungsräume, Meeting- und Kopierbereiche. Dies wird die interne Kommunikation massgeblich unterstützen und Raum für geplante, oder auch zufällige Gespräche schaffen.
„Grünes Tal“ und innere Erschliessung führen vorbei an diesem vertikalen Garten durch den gesamten Neubau bis hin zum Eingang Forstrasse / Rädelstrasse. Hier werden die von der neuen Parkpalette kommenden Mitarbeiter und Besucher durch einen dem Masstab des Nachbarhauses angepassten Gebäude-Risalit empfangen. Um den gesamten Eingangsbereich hier aufzuwerten, wird vorgeschlagen die Rädelstrasse als Erweiterung der Fussgängerzone zu gestalten.





Freiräume und das „grüne Tal“



Alle drei Bauteile bieten sehr gute und gleichwertige Arbeitsplatzqualitäten, die durch die Gestaltung der unterschiedlichen Freiräume weiter aufgewertet werden. Das grosse verbindende Element ist das „grüne Tal“, das ein Gefühl von Grosszügigkeit und Offenheit hervorruft. Dieser terrassierte Freiraum ist sekundärer Durchgangsweg für Mitarbeiter, ein versteckter Parkplatz für besondere Gäste, er bietet Sitzgelegenheiten auf der skulpturalen Treppenanlage und gibt nicht zuletzt Raum für eine kleine Pause vor der Bürotür. Als Sichtschutz zu den Nachbargrundstücken wird die Struktur der neu ausgefachten Fassaden wieder aufgenommen und vor die Nachbarbrandwände und Höfe als transluzente Tragstruktur für den Bewuchs mit wildem Wein gestellt. Ein im „Horizont“ des 3. Obergeschosses über das „Tal“ gespannter Sonnenschutz erspart die Sonnenschutzmassnahmen an den Fassaden darunter und lässt einen vielfältig nutzbaren, eigenständigen Aussen-Innenraum entstehen.
Die übrigen Freiräume sind thematisch und funktional eng verknüpft mit der Grundstruktur des Gebäudes. Durch die Ausgestaltung von verschiedenen hofartigen Freiräumen kann eine besondere Qualität im Alltagsleben der Mitarbeiter hergestellt werden: Tageslicht und Luft gelangen durch die Höfe direkt zu den Arbeitsplätzen.




Fassaden



Die Fassade zum Postplatz wird denkmalgerecht saniert. Dagegen wird das Gefüge aus bestehenden und ergänzten Bauteilen entlang der Forststrasse mit modernen Fassadenfeldern ausgefacht. Die innere Struktur des Gebäudes und seiner Teile wird sichtbar in Szene gesetzt; die unterschiedlichen Stützweiten und Geschosshöhen zeigen subtil die Grenze zwischen Alt und Neu und erzeugen ein abwechslungsreiches Fassadenbild.




Ökonomie und Ökologie



Der Erhalt des Bestandes sichert die maximale Ausschöpfung der Fördermittel und führt darüber hinaus zu enormen Kosten- und Zeitersparnissen bei der baulichen Umsetzung. Es bestechen auch die ökologischen Vorteile: Allein der Erhalt des rückwärtigen Bestandes Forststrasse bedingt durch die Vermeidung von emmissionsintensivem Betonzement und Stahl (ohne die Berücksichtigung von Abriss und Entsorgung) eine äquivalente Einsparung von 2,6 Mio Kwh, oder 261.200 l Öl, bzw. eine Reduktion der CO2-Emmission von 645 to.
Das Haus kann ohne Probleme als konventionelles Bürohaus mit Fensterlüftung betrieben werden. Dennoch schlägt der Entwurf als Option und weitere Massnahme zur Sicherung eines langfristig kostengünstigen und energiebewussten Betriebes die Umsetzung einer kontrollierten Lüftung der Bürobereiche vor, die in den heissen und kalten Jahreszeiten die Lüftungswärme- bzw. Kälteverluste unterbindet.




Landratsamt Vogtlandkreis
Plauen, 2010-2013



Daten & Beteiligte
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